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5 Fragen an AKIZ

Du hast in den 1990er-Jahren in LA in einem Restaurant gejobbt. Entstand hier die Idee für den Roman?


Das stimmt so nicht ganz. Ich habe erst viel später in einem Restaurant gejobbt, um die Welt, den Umgangston und die Handgriffe für den Roman wirklich im Detail zu studieren. Die Idee zu der Geschichte hatte ich allerdings viel früher: Seit 1998 oder ´99 schreibe ich an der Geschichte. Mein bester Freund arbeitete zu der Zeit im Via Veneto in Venice/Los Angeles und im Il Nido in Santa Monica. Beides Plätze, in denen damals Hollywoodstars ein und ausgingen. Die Köche waren alle Mexikaner und fuhren nach der Arbeit illegale Straßenrennen. Ich bin mit meiner Kamera vorbei und wollte das filmen. Dort saß ich dann viele Nächte am Pass und habe gewartet, bis wir Bescheid bekamen, wo die Straßenrennen stattfinden würden. In dieser Zeit, meistens kurz vor Feierabend, habe ich erlebt, was in so einer Küche los ist, und bin dadurch auf die Idee für den Roman gekommen. Die Aufnahmen von den Straßenrennen habe ich schließlich machen können, aber was sich hinter dem Pass abgespielt hat, war unvergleichlich interessanter und für mich noch unerzählt. 

Du hast das Sternerestaurant, in dem die Geschichte von Mo und dem Hund erzählt wird, El Cion [der Himmel] genannt.

 

Warum dieser große Name?


Soweit ich weiß, ist der Zion ein Tempelhügel in Jerusalem. Ich habe ihn für mich als „gelobtes Land“ oder „Gottes Land“ übersetzt. Und das ist das Restaurant ja auch. Zumindest für Mo und den Hund. Ursprünglich lag für mich die biblische Geschichte von Kain und Abel als Vorlage zugrunde. In der ersten Fassung des Romans hat Mo (Kain) den Hund (Abel) umgebracht, weil Valentino (Gott) den Hund mehr geliebt hat als ihn. Diese Konstellation hat sich im Laufe der Zeit aber geändert. Eigentlich ist jetzt Lily, die Souschefin, zum „Kain“ geworden. Doch das Motiv der Eifersucht ist geblieben, und auch der Name des Restaurants. 
Es gibt noch viele weitere Hinweise auf mythische Referenzen, nicht nur biblische, die bewusst weniger offensichtlich sind und in erster Linie deshalb im Roman stehen, um mich selbst beim Schreiben auf Spur zu halten. Letztendlich ist Der Hund nichts anderes als die Geschichte eines ikarushaften Aufstiegs zweier verlorener Seelen. Die Geschichte eines chaotischen Dämons, der die Welt der Ordnung komplett und für immer durcheinanderbringt. Die Struktur des Romans war für mich wie eine Ultra-Zeitlupenaufnahme einer auf Hochtouren drehenden Turbine, in die ein Sandkorn gerät, das alles zerfetzt. Mir kam es beim Schreiben oft so vor, als würde ich nur die fliegenden Trümmerteile beobachten und voller Faszination beschreiben.

 

Der Roman besticht durch eine große Sinnlichkeit, die oft das Groteske streift. Was fasziniert Dich an Blut, Schweiß und Tränen?


Ich denke, das Gleiche was uns alle an Blut, Schweiß und Tränen fasziniert. Aber noch mehr als das, haben mich beim Schreiben die Mächte interessiert, die aufeinanderprallen: Die fatalen Verstrickungen, der unmenschliche Druck in der Hölle der Küche, direkt angrenzend an die Dekadenz im Speisesaal und allem voran, die Suche eines Genies nach seiner Stimme und dem finalen Pinselstrich auf seinem Werk. Eine wichtige Rolle spielen auch die gescheiterten Egos, denen nichts anderes übrig bleibt, als sich angesichts dieses göttlichen Talents ihrer eigenen Mittelmäßigkeit bewusst zu werden. Den größten Spaß beim Schreiben hatte ich aber beim Beobachten der dekadenten Gesellschaft der Gäste, beim Lesen ihrer Codes und beim Zuschauen, wie ihre Sucht nach dem Essen des Hundes wie ein gieriger, keuchender Dämon durch ihre Reihen zieht. 

Man spürt bei der Lektüre, dass Du eigentlich aus dem Film kommst. Fiel es Dir schwer, den filmischen Blick in einen Text zu übertragen?


Nein, aber es hat eine kleine Weile gedauert, bis ich meinen Ton gefunden habe. Als ich dann das Gefühl hatte, ich kann in diesem Klang, Rhythmus und diesen Farben erzählen, war der Rest nicht mehr so schwer. Vielleicht spürt man die Nähe des Romans zum Film auch deshalb, weil die erste Fassung tatsächlich ein Drehbuch war. Es wurde in Deutschland leider von allen Instanzen abgelehnt, weil es viel zu extrem für einen Film war. Die Geschichte war für mich aber so spannend, dass ich sie nicht einfach so aufgeben konnte, und zum Glück den Weg gefunden habe, sie als Roman zu veröffentlichen. Dass ich Charaktere, Bilder und Momente exakt so, wie ich sie mir vorstelle, ohne den Umweg einer Finanzierung oder technischen Umsetzung, dem Leser zugänglich machen konnte, war ein blanker, rauschhafter, absolut sinnlicher und unendlich befreiender Genuss für mich. 

Insiderfrage: Hast Du jemals in Armagnac getränkte Ortolane (seltene und geschützte Singvögel) gegessen?


Nein, ich kenne aber Leute, die das getan haben. Vor allem in Frankreich ist das in Politikerkreisen und Führungsriegen auch heute noch sehr populär, und das Ritual, sich Tücher über den Kopf zu legen, während man die Fettammer in den Mund steckt, ist von vielen Leuten bestätigt und überliefert worden. Über meine eigenen Essgewohnheiten will ich nicht reden. Nur so viel: Ich bin nicht scharf darauf, Singvögel zu verspeisen. 
Essen ist eine bemerkenswerte Sache, wenn man bedenkt, wie grundlegend sich fast alle anderen Dinge im Leben der Homo Sapiens geändert haben: die Art der Kommunikation, der Fortbewegung, der Medizin, Kunst, Medien etc. Was aber die Nahrungsaufnahme anbelangt, so trennt uns vom Urmenschen nur der marginale Unterschied von Messer und Gabel an einem Tisch anstatt auf dem Boden. Der Rest ist eigentlich gleich geblieben: Das Essen wird zerkleinert, in den Mund gesteckt, zerkaut und geschluckt. Was sich geändert hat ist das Drumherum. Die Hysterie um eine Weinflasche Mouton Rothschild, der Fetisch um sündhaft teures Tafelsalz oder ein Glas Kona Nigari Wasser – all das hat schwindelerregende Höhen erreicht, die man noch vor nur wenigen Jahrhunderten als den Tanz um das goldene Kalb bezeichnet hätte.

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