GOETHE INSTITUT on "Der Nachtmahr"





„Der Nachtmahr“ – befremdliche Filmkunst in Wien

Schon im Vorspann wird es schräg. Da warnt der Regisseur davor, dass diverse Licht- und Tonfrequenzen bei Epileptikern Komplikationen verursachen könnten. Und der brachial laute Soundtrack übrigens auch. Was soll’s – dieser Film müsse nun mal mit Lärm unterlegt sein… Aha. Also nur ein Scherz, die Warnung? Noch bevor der eigentliche Film losgeht, weiß man als Zuschauer: Heute kein Kinogenuss der gewöhnlichen Art.

Akiz Ikon, so der Künstlername des Regisseurs, ließ sich beim Titel seines Erstlingswerks Der Nachtmahr (der auf seinen ausdrücklichen Wunsch übrigens auch in der englischen Fassung beibehalten wurde) vom gleichnamigen Gemälde des Schweizer Malers Johann Heinrich Füssli (1741 – 1825) inspirieren. Das Bild zeigt, wie eine junge Frau im Schlaf von einem Nachtmahr heimgesucht wird, einem hässlichen Fantasiewesen, das auf der Brust der Schlafenden hockt, um ihr fürchterliche Albträume zu verursachen. Akiz, der mit bürgerlichem Namen Achim Bornhak heißt und sich bisher vor allem in der bildenden Kunst betätigt hat, unternahm zunächst den Versuch, eine Skulptur des Nachtmahrs anzufertigen. Am Schluss kam ein Spielfilm heraus, der nun auf der Viennale 2015 dem Publikum präsentiert wurde, und zwar als erster Teil eines filmischen Triptychons mit dem Titel Geburt – Liebe – Tod.


Dieser erste Teil beschreibt, wie der Nachtmahr ins Leben der sechzehnjährigen Tina (Carolyn Genzkow) tritt. Tina führt ein ganz normales Teenagerleben, mit Technoparties, lauter Musik, Alkohol, Drogen und zwischenmenschlichen Achterbahnfahrten. Ein Leben voller Lärm und Unruhe, wie schon im Vorspann angekündigt. Als Tina dann den Nachtmahr zuerst auf einem Foto, das ihre Freundin auf einer Kunstausstellung geschossen hat, und wenig später im Ecstasy-Rausch real vor Augen sieht, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Durch abrupte Cuts und eine diffuse Mischung aus extrem lauter Technomusik und schrillen Licht- und Toneffekten versetzt Akiz den Zuschauer bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt in Tinas turbulente Welt, die für das Auftauchen des neuen Gefährten geradezu prädestiniert ist.


Er sieht eklig aus, dieser neue Gefährte, und entsprechend panisch reagiert Tina bei den ersten Begegnungen. Ein Nachtmahr als ständiger Begleiter? Unmöglich. Doch Tina leidet zusehends an Realitätsverlust, bis die beunruhigten Eltern dem Treiben ihrer Tochter nicht länger zusehen können und sie zum Therapeuten schleppen. Der Therapeut schlägt Tina vor, mit dem Nachtmahr zu reden, damit sie erfährt, warum sie von ihm geplagt wird. Von da an nimmt Tinas Verhältnis zu der Erscheinung völlig neue und gänzlich unerwartete Formen an. In einem Interview auf der Webseite „The Moveable Feast“, sagt Akiz, dass ihm keinerlei wissenschaftliche Erklärung für einen solchen Wandel bekannt sei. Er selbst sei nie beim Psychiater gewesen und habe sich auch beim Schreiben des Drehbuchs keinen fachlichen Rat dort eingeholt. Trotzdem halte er den Vorschlag, den der Therapeut Tina im Film macht, nicht für abwegig. Ihm als Regisseur gehe es vor allem darum, dass es im Film keinen Bösewicht geben solle, und auch keine klare Ursache für Tinas Probleme, weder die Familie noch die Freunde noch der Therapeut. Wenn er Psychotherapeut wäre, so Akiz weiter, und eine junge Frau käme in seine Sprechstunde, um ihm von Begegnungen zu erzählen, die ganz offensichtlich ihrer Phantasie entstammen, so würde er ihr schlichtweg raten, sich diesen Begegnungen zu stellen, eben weil die ganze Situation ja im Kopf der Patientin stattfinde und nicht der Realität.


Als Tina den Rat des Therapeuten befolgt und sich dem Nachtmahr stellt, entpuppt sich das Wesen als geradezu ungefährlich und entwickelt sich vom bedrohlichen Monster zum handzahmen Haustier, dann zum Freund und schließlich sogar zum Geliebten. Während dieses Wandels ist die Verunsicherung und die Angst der Heranwachsenden immer konkret spürbar. Jedes Mal, wenn der Zuschauer meint, verstanden zu haben, was gerade mit Tina vorgeht, setzt Akiz noch eins drauf und vereitelt dadurch jeglichen Versuch des Publikums, sich mithilfe bekannter und bequemer Denkmuster ein Bild zu machen. Denn genau das macht das menschliche Gehirn ständig: Es will jedes neuartige Phänomen durch Schubladendenken schnellstmöglich erklärbar und zuordenbar machen.

The Nightmare by John Henry Fuseli, CC BY-SA 2.0


Tatsächlich ist jedoch nichts, was sich im Kopf eines Teenagers abspielt, eindeutig erklärbar und zuordenbar. Und niemand aus dem Umfeld kann erfassen, was der Heranwachsende gerade durchmacht. Virtuos beschreibt Akiz die Verwirrung der Pubertierenden und deren Schwierigkeiten, sich auf die eigene geistige Wahrnehmung zu verlassen. Extreme Formen nimmt dieser Zustand der Verunsicherung an, als auch andere aus Tinas Umfeld den Nachtmahr sehen und versuchen, auf ihre Art mit ihm zurecht zu kommen. Typischerweise reagieren die meisten von ihnen mit Angst und mit Gewalt, solange Tina die einzige bleibt, der es gelingt, einen versöhnlichen Umgang mit dem Nachtmahr zu pflegen.

Und genau das ist es, was Der Nachtmahr zu einem der besten Coming-of-Age-Filme der jüngsten Zeit macht. Er maßt sich weder an, weise zu sein, noch wartet er mit vermeintlich wasserdichten Patenterklärungen für das nicht erklärbare Phänomen Pubertät auf. Unzählige Theorien und pädagogische Ansätze haben sich schon an dem Versuch die Zähne ausgebissen, das Wesen dieses leidensreichen Lebensabschnitts zu definieren, den jeder von uns durchmachen muss. Akiz hat begriffen, dass diese Phase gerade deshalb so schwierig und aufwühlend ist, weil in ihr naturgemäß sämtliche bekannten Erwartungsmuster und Erklärungsparameter über den Haufen geworfen werden.

Verwirrung ist also der wesentliche Topos in diesem ersten Teil der Nachtmahr-Trilogie, in dem Tinas Albtraum vom Fantasiewesen zur realen Erscheinung wird und immer wieder einen neuen Stellenwert in ihrem Leben erhält. Akiz weiß schließlich als erfahrener Künstler, dass Charakter und Wert eines Kunstwerks untrennbar mit dem Effekt zusammenhängen, den es beim Betrachter zu erzielen vermag.


Den gewünschten Effekt, nämlich den Zuschauer an der Verwirrung teilhaben zu lassen, erzielt der Film nicht zuletzt durch die Fähigkeit des Regisseurs, mit den verfügbaren Mitteln eine fulminante optische, akustische und intellektuelle Dynamik entstehen zu lassen.

Sein vergleichsweise spartanisches Budget hat der gleichzeitig als Regisseur, Drehbuchautor, Cutter, Produzent und Art Director fungierende Akiz äußerst klug eingesetzt. Man sieht dem Film mit seinen zahlreichen aufwendigen Effekten absolut nicht an, dass er mit gerade mal 87.000 € Produktionskosten ausgekommen ist. Im Gegenteil: Akiz hat das geschafft, wovon andere, millionenschwere Produktionen weit entfernt sind.

Auch der perfekt auf Inhalt und Bildfolge abgestimmte Soundtrack macht den Film zu einem außergewöhnlichen und qualitativ hochwertigen Gesamtkunstwerk. Lärm und laute Musik gehören, wie im Vorspann angekündigt, tatsächlich unbedingt dazu. Und selbst die bedrohlichen Geräusche, mit denen der Nachtmahr bei seinen ersten Auftritten Panik und später dann zumindest noch Unbehaglichkeit auslöst, werden schließlich zur liebgewonnenen und sehnlichst erwarteten Tonkulisse.


Ahmed Shawky lebt und arbeitet als Journalist in Kairo.


Copyright: Goethe-Institut Kairo Dezember 2015


http://www.goethe.de/ins/eg/kai/kul/mag/fif/de14980947.htm


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